Zueignung

Über 60 Jahre hat Johann Wolfgang Goethe an seinem Werk Faust gearbeitet. So zeugt insbesondere der erste Teil (Faust 1) sehr stark von einem jungen Menschen mit großen Idealen. Die Zueignung wurde erst im fortgeschrittenen Alter von Goethe dem Werk vorangestellt und zeigt des Autors Gedanken bei der Bearbeitung des Dramas deutlich auf.

Ein Bild, welches sich bei den nachfolgenden Versen aufdrängt, ist das eines alternden Goethes, der an seinem Lebenswerk sitzt und merkt, dass ihm die romantischen Zeiten entschwunden sind, bzw. nur schwer heraufzubeschwören sind. Mit gespitzter Feder hockt er dort, voller Schaffensdrang, doch ob die Worte, die er nun seinem Werk hinzufügen möchte noch den Schneid von damals haben werden, dessen ist er sich nicht bewußt.

Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten,Die früh sich einst dem trüben Blick gezeigt.Versuch ich wohl, euch diesmal festzuhalten?Fühl ich mein Herz noch jenem Wahn geneigt?Ihr drängt euch zu! nun gut, so mögt ihr walten,Wie ihr aus Dunst und Nebel um mich steigt;Mein Busen fühlt sich jugendlich erschüttertVom Zauberhauch, der euren Zug umwittert.

Das Lesen der Zeilen von damals bringt den Autor ins Schwärmen. Mit jedem seiner geschriebenen Worte kommt die Erinnerung und er läßt seinen Gedanken und Träumen freien Lauf.

Ihr bringt mit euch die Bilder froher Tage,Und manche liebe Schatten steigen auf;Gleich einer alten, halbverklungnen SageKommt erste Lieb und Freundschaft mit herauf;Der Schmerz wird neu, es wiederholt die KlageDes Lebens labyrinthisch irren Lauf,Und nennt die Guten, die, um schöne StundenVom Glück getäuscht, vor mir hinweggeschwunden.

Voller Senhsucht blickt er auf die vergangene Zeit zurück, die ihm nur noch Schemenhaft ("Schatten") oder als eine "Sage" vorkommt. All dies ist ein deutliches Indiz dafür, wieviel persönliches Goethe in sein Werk hat einfließen lassen. "Liebe und Freundschaft", aber auch schmerzliche Episoden seines Lebens. Und all diese Momente tauchen just, wo er durch seine alten Notizen blättert stetig vor seinen Augen auf.

Sie hören nicht die folgenden Gesänge,

Die Seelen, denen ich die ersten sang;

Zerstoben ist das freundliche Gedränge,

Verklungen, ach! der erste Widerklang.

Mein Lied ertönt der unbekannten Menge,

Ihr Beifall selbst macht meinem Herzen bang,

Und was sich sonst an meinem Lied erfreuet,

Wenn es noch lebt, irrt in der Welt zerstreuet.

Längst sind diejenigen, denen er die ursprünglichen Verse geweiht hat nicht mehr und auch stellt Goethe in seinem Alter fest, dass wohl einige seiner Werke auch nach seinem Tode noch vielen Menschen ("unbekannte Menge") Vorgespielt (Gesungen) werden. Und diese Bedeutung seines Werkes drück auch als eine Last auf ihn, eine Last der Verantwortung und der Erwartung, die ihm sein "Herz bang" werden läßt.

Und mich ergreift ein längst entwöhntes Sehnen

Nach jenem stillen, ernsten Geisterreich,

Es schwebet nun in unbestimmten Tönen

Mein lispelnd Lied, der Äolsharfe gleich,

Ein Schauer faßt mich, Träne folgt den Tränen,

Das strenge Herz, es fühlt sich mild und weich;

Was ich besitze, seh ich wie im Weiten,

Und was verschwand, wird mir zu Wirklichkeiten.

Die Sehnsucht nach den alten Zeiten erfasst ihn und sicherlich ist ihm nun nicht mehr ganz gewiß, ob es die Sehnsucht nach seiner eigenen Vergangenheit oder nach den beschriebenen Geschichten ist, die nicht nur ein Teil von ihm sind, sondern er ist auch ein Teil von ihnen.

Nach der Zueignung ist das Vorspiel auf dem Theater sortiert.

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